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Der aufgetaute Chickens Cup

8 Dez

huhnOrnithologen wissen es schon lange: Der gemeine mattgold-lackierte Keramikvogel fühlt sich am wohlsten, wenn er kaltgefroren und regungslos auf einem Marmorsockel ruhen darf, die Flügel steif an die Hühnerhüfte gelegt, den Kamm stolz aufgerichtet, den Schnabel geschlossen. Heroisch, möchte man meinen, so wie jüngst in Köln beobachtet, wo das schönste aller künstlicher Federviecher zum 15. Mal Trophäe und Namenspatron des wohl coolsten – wenn nicht eisigsten – Takrawturniers des Jahres war. Ja, erst wenn sich alles vor Kälte zusammenzieht und kein warmer Hauch sich unter das güldene Gefieder schleicht, ist alles gut. Und gut war es am ersten Dezemberwochenende beim Chickens Cup 2016 in Köln, wo der Ausfall der Hallenheizung und die defekte Eingangstür kein Zufall gewesen waren, sondern vielmehr Opfergabe an das tierische Takraw-Heiligtum in Hühnchengestalt. Immerhin ein Jahr lang musste es schließlich zuletzt im subtropischen Elmshorn übersommern. Der Pokal fühlte sich also wohl.

Die gut 80 Sportler allerdings staunten nicht schlecht, als sie, von Zuhause höchsten einen begehbaren Nanyang-Schuhschrank gewohnt, plötzlich in einem begehbaren Kühlschrank standen, der anderenorts fachmännisch einfach nur „scheiß verdammt kalte Turnhalle“ genannt worden wäre. Doch wer wenn nicht ein Takrawspieler ist wie gemacht dafür, sich eine kuschelige  Nische zu suchen, von der keiner etwas ahnt und die doch die beste der Welt ist – hat ja bei der Wahl der Sportart auch schon prima geklappt. Und so rückte nach und nach der Frust über den Frost in den Hinter- und die geflochtenen Bälle in den Vordergrund. Eben diese galt es bei den Temperaturen natürlich ordentlich warmzukloppen. Und so sorgte ein rekordverdächtiges Teilnehmerfeld von 27 Regus und 36 Doppeln sowie ein herrlich kaiserlich ausufernder Spielplan dafür, dass dies auch in vielen vielen Matches geschah.

halle

Division Ahhhhhhh

Da beim europäischen Takraw die Breite in der Spitze dichter geworden ist, wurde im Regu-Wettbewerb zügig in zwei Divisionen separiert. 14 Mannschaften konnten sich für Division A qualifizieren und in jeweils zwei Gruppen ihre Kräfte messen. Takraw-Spiele auf Augenhöhe waren das Ziel. Und das Ziel ging auf in Form enger Matches, in denen fast jeder jeden schlagen konnte. Nur die eingespielte Crew von Elmshorn 1 ging ohne Niederlage durch die Zwischenrunde, war aber nicht unverwundbar, wie Satzverluste gegen Kiel und Strasbourg zeigten. Besonders gut hat das Team aus Angermünde hingeschaut, wo sich die Achillesferse des Titelverteidigers verbarg und dieses Wissen im Finale eiskalt angewendet. Das Team um das iranische Takraw-Idol Mahjid Salmani wusste die elmshorner Athletik mit unverschämter Gelassen- und Ballsicherheit auszugleichen. Feeder Mohsen rührte sich praktisch nicht vom Fleck, war aber dennoch immer und überall dort, wo der Ball Sekundenbruchteile später auftauchte. Während sich Fian, Robert, Tim (und der eingewechselte Simse) noch fragten, wie der Kerl den Flux-Kompensator durch die Dopingkontrollen gekriegt hat, stand der Ball schon senkrecht am Netz, wo Yassin in Schönschrift  die Definition für Angriffseffektivität ins Strikerhandbuch malte („…wenn der Ball dort unerreichbar hingeschossen wird, wo er hingehört, egal aus welcher Höhe, aus welchem Winkel, mit welcher Geschwindigkeit, ganz einfach.”). Seine Erfahrung aus dem Footbag war in dieser Hinsicht sicherlich nicht allzu hinderlich. Das goldene Hühnchen wechselt also für ein Jahr den Besitzer.

Das äußerst knappe Finale und das Turnier insgesamt haben gezeigt, dass es in Zukunft nicht unbedingt einfacher wird, im europäischen Takraw Trophäen zu gewinnen. Auch ohne übermächtige Konkurrenz aus Asien lauern immer mehr Mannschaften am Fuße der Siegertreppen und wollen sie mit viel Trainingsfleiß und Engagement für ihren Sport erklimmen. Erstmals schaffte es etwa Renato aus Cannes, ein komplettes Team zu einem Turnier und dann auch noch direkt in Division A zu lenken. Dorthin schaffte es bei ihrem Wettkampfdebüt auch eine Mannschaft aus Bulgarien. Evry wird immer konstanter und auch in Kiel tut sich immer mehr, auf und neben dem Spielfeld.

Allez Cannes, Nix muss!

Allez Cannes, Nix muss!

Wer A sagt…

…muss auch Division B sagen. Und auch hier äußerst erfreuliche Nachrichten hinsichtlich der Takraw-Evolution: Nur knapp scheiterte ein Team von der verwandten Sportart Federfußball an der Qualifikation für Div. A, sicherte sich dafür gegen das deutsche Frauen-Nationalteam im Finale den Titel in Division B. Mit ihrer Ballsicherheit, entspannten Spann-Annahme und flexiblen Gräten ist zu hoffen, dass der Ausflug zum Takraw keine Ausnahme war. Auch neue Spieler aus Heidelberg, Straßburg und Elmshorn zeigten sich in Köln, und zwar durchaus von talentierter und ambitionierter Seite. Gerade in Elmshorn sind ein paar junge Eisen im Feuer, die derzeit in der Glut erfahrener Takrawten für künftige Aufgaben zurechtgeschmiedet werden. Kein Wunder, dass von denen keiner kalte Füße hatte!

>>>Hier alle Spiele und Ergebnisse

Im Doppel sorgten die Youngsters allerdings (noch) nicht für die Überraschung. Dafür erlebte die Schweizer Takraw-Legende Reto mitten im Winter seinen dritten Frühling, verschmolz mit seinem Partner Phim zu einem Rattan-Magneten und schickte bis hin zum Finale einige arrivierte Duos frühzeitig unter die ar(kti)sch-kalten Duschen. Im Endspiel dann ein gewohntes Bild: Elmshorn 1  ließ wie im kompletten Turnier im 2 vs. 2 nichts anbrennen. Striker Simon machte es sich am Netz gemütlich als wäre er Gast einer römischen Orgie und ließ sich genüsslich vom formidablen Feeder Robert gelbe Trauben anreichen. Unersättlichkeit zahlt sich eben aus – diesmal in Form der Double-Europameisterschaft 2016.

Alles in allem war der Chickens Cup ein sportlich faires und hochklassiges Turnier mit Ballwechseln, die dem Takraw-Freund wärmer ums Herz werden ließ, als es noch so funktionsfähige Heizkörper vermocht hätten. Nun gilt es, sich erstmal von dem Turnier (und von dieser Berichterstattung) zu erholen. Am 18./19. März trifft sich Takraw-Europa bei den Swiss Open in Basel wieder. Bei welchen Temperaturen auch immer, ob eiskalt, mit kühlem Kopf oder warmblütig,  ganz sicher aber heiß auf Takraw und willig zu zeigen, was bis dahin im heimischen Training passiert ist.

 

 

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Dragons Cup: Ansichten eines Takraw-Balls

1 Jun
Dragons Cup: Viertelfinale Elmshorn 2 (l.) vs Köln 1

Dragons Cup: Viertelfinale Elmshorn 2 (l.) vs Köln 1

Mit Füßen getreten und doch verehrt: Beim Dragons Cup im Elmshorn standen die geflochtenen Rattankugeln im Mittelpunkt. Malaysia, Köln und Elmshorn gingen besonders gut mit ihnen um.

„Christian Rieck war der Letzte, der mich oder einen meiner Artgenossen getreten hat, bei einem Turnier namens Dragons Cup. Ich habe seine Tritte genossen und als mir der finale Stoß versetzt wurde, schaffte es nicht mal der einst beste Spieler der Welt, mich anzunehmen. Zabidi Shariff heißt der und kommt aus Malaysia. Was für ein Name. Ich heiße Marathon MT 908 und komme aus Thailand…Während Rieck und seine Doppelpartner Trung Tran und Amran Salleh von Sukarela Elmshorn sich jubelnd in den Armen lagen, weil sie einer Sensation gleich im Finale das favorisierte malaysische Doppel vor heimischen Publikum in drei Sätzen besiegten, lag ich irgendwo in der KGSE-Halle rum, unbeachtet aber glücklich.

Ich bin rund zur Welt gekommen, und gelb, keine Angst, das sind keine Hämatome. Auch innere Verletzungen trage ich nicht davon, denn in mir ist ja nichts, gar nichts. Gummischale, gar kein Kern. Mir ist immer noch schwindelig von dem Wochenende. So viele Augen wie beim Dragons Cup sind selten auf mich gerichtet und so gekonnt wurde ich selten durch die Luft geschossen. Ehe mich die Doppel von Malaysia 1 und Elmshorn 1 malträtierten, habe ich ganz schön für Spannung gesorgt. Tapfere Jungs aus Kiel, die normalerweise eine kleiner Ballspezie verkloppen, haben es mit mir versucht und schon 4 Matchbälle gegen das renommierte Doppel Joschi und Thomas gehabt. Letztlich habe ich mich dann doch für die Jungs im Deutschland-Trikot entschieden. Auch die Kölner Thais San und To habe ich gegen die späteren Sieger kurz an der Sensation schnuppern lassen und bin dann doch von ihren Knöcheln und Waden abgeprallt, als wäre ich ein eckiger Flummi.

Dragons Cup: Doppel Halbfinale Elmshorn 2 (l.) vs Elmshorn 1

Dragons Cup: Doppel Halbfinale Elmshorn 2 (l.) vs Elmshorn 1

Beim 3 gegen 3 war ich natürlich auch mittendrin, was für ein durcheinander, soviele Beine…. Belgische, französische, schweizer, malaysische. Junge, alte, behaarte und zarte. Auch weibliche, zum Glück, immer nur von groben Männerfüßen gekickt zu werden, macht auf Dauer auch keinen Spaß. Die Elmshorner Ladies kannte ich noch nicht und sie waren nett zu mir, etwas zu nett vielleicht, kannten meine devote Ader wohl noch nicht. Die Damen aus Belgien waren schon weniger rücksichtsvoll, und bei den Kölner Frauen spürte ich kaum noch einen Unterschied zu den männlichen Tretern. Kein Wunder, dass die am Ende einen Pokal entgegen nahmen und sogar Herrenteams schlugen.

Auch die Kölner Männer habe ich mit einem Pokal in der Hand gesehen. Die wussten aber offensichtlich nicht, ob sie sich darüber freuen sollten, das hab selbst ich gesehen, obwohl ich gar keine Augen habe. Drei Tage lang schlugen sie im Regu auf mich ein, ließen keine Mannschaft auch nur einen Satz gewinnen, auch nicht die beiden besten Regus der Hausherren. Nur im Finale gegen Malaysia 1 prallte ich ein wenig zu oft von ihren Köpfen und Füßen ins Aus oder Netz, so dass ich am Ende ganz knapp für zu wenig Punkte auf Kölner Seite sorgte.

Dragons Cup: Regu-Final Malaysia 1 (l.) vs Köln 1

Dragons Cup: Regu-Final Malaysia 1 (l.) vs Köln 1

Auch von der zweiten Division muss ich mich erstmal wieder erholen. Volleyballer vom VfL Pinneberg haben mir die Stirn geboten – fast ausschließlich die Stirn…Musste mich erstmal von Schweiß und ihren blonden Haaren befreien und war froh, dass der Nachwuchs aus Basel mich hin und wieder im Finale mit der Sohle streichelte. Reichte aber nicht für die Schweizer Equipe, doch ich fürchte jetzt schon, dass mich die Kleinen in Zukunft härter rannehmen werden…ach, was heißt fürchten, mir gefällt es, ich bin Masochist aus hartem Plastik und freue mich schon auf eine Tracht Prügel bei den French Open in Strasbourg am ersten Septemberwochenende 2012.“

 

 

Dragons Cup 2011: Gute Kölner Bilanz gegen starke Asiaten

28 Jun

Auch wenn am Ende wieder die Teams aus Malaysia ganz oben auf dem Siegerpodest standen, war die stetige Weiterentwicklung der europäischen Mannschaften unverkennbar. Nur mit einiger Mühe verteigten die Gäste aus Asien ihre Titel. Weiterlesen